785: Heiligkreuzkapelle: älteste datierte tragende Balkendecke Europas

Karolingische Heiligkreuzkapelle: ein Juwel

Lange Zeit galt die Heiligkreuzkapelle als romanischer Bau. Archäologische und dendrochronologische Untersuchungen erbrachten jedoch Baudaten von 785-788. Folglich entstand die Kapelle in der Gründungszeit des Klosters. Die östliche Hälfte der Balkendecke zwischen dem Unter- und Obergeschoss ist noch im Originalzustand erhalten. Sie ist die älteste datierte Holzdecke Europas. Auf ihr liegt auch noch der ursprüngliche karolingische Mörtelboden im Obergeschoss der Kapelle. Die Ausstattung der Kapelle muss ein Traum gewesen sein: marmorne Chorschranken, Stuckaturen und Malereien schmückten das Obergeschoss. Aber nicht nur innen, sondern auch aussen war die Kapelle dekoriert.

 

Die Heiligkreuzkapelle: karolingisches Juwel des Klosters St. Johann in Müstair

Die Heiligkreuzkapelle gehört wie die Klosterkirche zur Gründungszeit des Klosters St. Johann in Müstair.  Zur Zeit wird hier noch restauriert. Mittelalterarchäologe und Kunsthistoriker Jürg Goll gibt Auskunft über dieses karolingische Juwel. Dieses Video entstand im Rahmen der UNESCO Welterbe Film-Serie 2014

Sensationeller Fund an der Aussenfassade

 

Die Kapelle war ursprünglich auch an der Aussenfassade mit aufwendiger Architekturmalerei dekoriert. Am Ostgiebel kam sogar eine figürliche Malerei aus karolingischer Zeit zum Vorschein – eine Sensation, denn gemalte Personen an einer karolingischen Aussenfassade hatte es in der Kunstgeschichte noch nie gegeben. Da das Bild nur fragmentarisch vorhanden ist und von der Strasse her nicht erkannt werden kann, beschloss ein internationales Expertengremium es wieder zuzudecken und damit vor der Witterung zu schützen. Das Freskofragment wurde dokumentiert, beschrieben, analysiert und fotografiert. Archäologen und Restauratoren sowie technische Fachkräfte erforschten und dokumentierten zudem die ganze Aussenfassade.

 

Im Obergeschoss der Heiligkreuzkapelle gibt es noch viel zu tun

 

Bis zu zehn Mal- und Tüncheschichten bedecken die Wände im Obergeschoss. Die Kapelle war ursprünglich zudem reich ausgestattet mit Stuck und Marmor. Bis heute standen die Erforschung der Bausubstanz und die Konservierung des vielfältigen Freskenbestandes im Vordergrund. Eine gründliche Dokumentation des Inneren aus archäologischer, restauratorischer und naturwissenschaftlicher Sicht wurde vorgenommen.

 

Durch die Entfernung der jüngsten schädlichen Tüncheschicht, können sich die Beteiligten und Experten ein immer deutlicheres Bild davon machen, wie das Obergeschoss der Heiligkreuzkapelle in Zukunft aussehen könnte. Vorerst werden aber die konservatorischen Massnahmen abgeschlossen.

Obergeschoss wird wieder Kapelle

 

Die reiche Ausstattung lässt vermuten, dass das Obergeschoss ursprünglich als Privatkapelle für den Abt oder andere hohe Würdenträger diente. Immer wieder wurde sie neu ausgemalt, zuletzt war sie 1889 zu einer Lourdeskapelle umgestaltet worden. Fest steht, dass das Obergeschoss wieder als Kapelle dienen soll.

Untergeschoss für Bestattungen und Tote

 

Das Untergeschoss war vermutlich Gruftraum, ab 1520 dann Kapelle mit Bestattungen und schliesslich Beinhaus. Die Wände sind mit neuzeitlichen Wandbildern geschmückt, die die Sterbe- und Auferstehungsthematik aufgreifen. Die Malereien wurden gereinigt und entsalzt. Ein neuer schlichter Holzboden wurde gelegt. In diesem Raum soll in Zukunft die bewegte Baugeschichte der Heiligkreuzkapelle präsentiert werden.

Mühlespiel auf karolingischem Balken

 

Beim genauen Betrachten der originalen Holzbalkendecke von 788 wird ein Mühlespiel sichtbar. Damit stellt sich die Frage, ob sich die Zimmerleute in der Mittagspause auf dem herumliegenden Bauholz die Zeit mit Mühle spielen vertrieben. Interessanterweise finden sich auf dem marmornen Thron Karls des Grossen in der Pfalzkapelle in Aachen ebenfalls feine, eingeritzte Linien, die wohl als Spielfeld für ein Mühlespiel dienten.

Restaurierung geht weiter

Die Restaurierung der Heiligkreuzkapelle ist noch nicht abgeschlossen. Immer wieder kommen neue Erkenntnisse zutage, die die karolingische Kapelle zu einem echten kunst- und baugeschichtlichen Kleinod werden lassen.

 

Um die Restaurierung finanzieren zu können, sind zusätzliche finanzielle Mittel nötig. Stiftungsrat Peter Andreas Zahn bemüht sich, mit seinem Projekt „Basel hilft Müstair“ die Restaurierung dieses Kleinods voranzutreiben.

 

Im Sommer gibt es an ausgeschriebenen Tagen Führungen durch diesen faszinierenden Bauforschungsplatz.