23. May 2014

Die Oper DAVID in Müstair – worum geht es?

DIE OPERN-COLLAGE „DAVID“ IN MÜSTAIR

In Müstair wird im Rahmen des Origen Festivals ein temporäres Opernhaus errichtet.

 

Karls Krönung zum römischen Kaiser am Weihnachtstag des Jahres 800 ordnet die Welt neu. Das fränkische Herrscherhaus schützt das gefährdete Papsttum und erhält im Gegenzug die Kaiserkrone. Die Vormachtsstellung des byzantinischen Kaiserhauses wird gebrochen. In jener denkwürdigen Krönungszeremonie wird Geschichte geschrieben.

Einhard, Karls Berater und erster Biograf, schreibt, der König sei durch die Initiative des Papstes überrascht worden. Die moderne Geschichtsschreibung vermutet hinter Karls «Überraschung» vielmehr eine von langer Hand geplante Strategie und kluge Rhetorik seines Biografen. Tatsache ist, dass sich an jenem Weihnachtstag Geschichte verdichtet. Karls Selbstverständnis als neuer David, sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, schliesslich auch seine persönliche Furcht vor dem nahenden Weltende vermischen sich mit politischem Kalkül und Machtgebaren zu einem dramatischen Krimi am Weihnachtstag des Jahres 800..

Der vielschichtige Raum

Das Musiktheater «David» ist inspiriert von der Ikonographie und Architektur der karolingischen Klosterkirche von Müstair. Die Klosterkirche von Müstair steht am Anfang der Projektidee zum Musiktheater «David». Die Symbolik der Architektur, die archaische, hohe Form des Raumes, schliesslich die strenge und stringente Ikonographie der Fresken bilden ein Universum für sich und erzählen viel aus karolingischer Zeit. Die «Rekonstruktion» des Raumes mit temporären Baugerüsten hat die Aufgabe, die Atmosphäre des originalen Innenraumes wiederherzustellen – und neu zu interpretieren,

Lebendige Fresken

Für die Inszenierung des «David» werden die freskierten Wände der Kirche szenisch interpretiert. In die Seitenwände der temporären Kirche werden kleine Bühnen eingebaut, rechteckige Versenkungen, die der Rahmung der Fresken folgen. Die Bespielung der Wände der Klosterkirche setzt eine ungewohnte Platzierung des Publikums voraus. Die Zuschauer sitzen in der Mitte des Raumes. Das Theaterspiel erstreckt sich über alle Seitenwände der Kirche.

Dramatisches «Schichtenwerk»

So wie sich in der Freskenmalerei Zeitebenen und Bedeutungsschichten überlagern, gestaltet sich auch das Musiktheater «David». Basis der Handlung ist die mittelalterliche Krönungsliturgie. Karl besucht den Weihnachtsgottesdienst und wird zum Kaiser gekrönt. Wenn man Einhard glauben schenkt, geschah die Krönung gegen seinen Willen. In diese Krönungsliturgie werden Zeitgenossen eingeblendet. Kaiserin Irene von Byzanz, Karls mächtige Gegenspielerin und potentielle Heiratskandidatin, erzählt von ihren Machtspielen und von der Beseitigung ihres Sohnes. Das Attentat auf Papst Leo wird als Zeitblende eingefügt. Der Usurpator König David, Karls rebellisches Vorbild auf dem Königsthron, mischt sich ein. Schliesslich kommen die Weltgerichtsdarstellungen der Klosterkirche zum Zuge: Karl der Grosse war überzeugt, dass das Weltende nahe sei. Auch diese Dimension ist in der Anlage des Kirchenraumes deutlich erkennbar. In der Ostung der Kirche liegt die Erwartung des Heils.

Durch den collage-ähnlichen Aufbau des Dramas werden Karls reale und ideale Welten sichtbar. Die für sein Handeln bedeutsamen Figuren treten in szenischen Dialog zueinander und zeichnen ein Weltbild, das von politischem Kalkül, sakraler Überhöhung, latenter Gewalt, frommem Streben und drohendem Endgericht erzählt.

Musikalische Struktur

Die unterschiedlichen Realitätsebenen im Spiel werden durch unterschiedliche szenische und musikalische Stilmittel charakterisiert. Der Krönungsritus ist von gregorianischer Vokalmusik geprägt. Der David-Plot wird mit Motetten von Carlo Gesualdo erzählt. Die arienhaft gestalteten Szenen der einzelnen Figuren stammen aus der Feder von Edward Rushton. Ein Schauspieler-Chronist führt durch das Stück und interagiert zwischen den Figuren.