ora et labora et lege

Die benediktinische Tradition wird üblicherweise mit „ora et labora“ (Bete und arbeite) umschrieben. Dieser Grundsatz stammt aus dem Spätmittelalter. Vollständig lautet er „ora et labora et lege“. Diese drei Verben bringen die Synthese der benediktinischen Tradition zum Ausdruck: bete, arbeite, lese.

Ora - Bete

„Hört man das Zeichen zum Gottesdienst,
lege man sofort alles aus der Hand
und komme in grösster Eile herbei“ (RB 43,1)

Dem Gebet soll nichts vorgezogen werden, so steht es in der Regel des Hl. Benedikt. In 13 Kapiteln beschreibt er die Ordnung der einzelnen Stundengebete im Winter, im Sommer und an Sonntagen. Er legt genau fest, welche Psalmen wann gesungen werden sollen, lässt aber auch der Oberin Spielraum. Für Benedikt ist wichtig, dass alle Mönche und Nonnen zu dem finden, was sie suchen. Eine massvolle Unterscheidung ist zentral für die Führung der Klostergemeinschaft: So halte die Priorin „in allem Mass, damit die Starken finden, wonach sie verlangen, und die Schwachen nicht davonlaufen“ (RB 64,19).


Die Nonnen von Müstair treffen sich fünfmal am Tag zum Stundengebet, rezitieren täglich den Rosenkranz und feiern Gottesdienst. Der Tag beginnt um 5.30 Uhr mit der Vigil, der ersten Gebetszeit des liturgischen Tages: „Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde“. Bei Tagesanbruch, um 7.05 Uhr feiern die Nonnen die Laudes: Sie ist erfüllt von Licht und spricht von der aufgehenden Sonne als Symbol für Christus. Anschliessend wird Gottesdienst gefeiert. Um 11.00 Uhr beten die Schwestern ihre Mittagshore bevor sie das gemeinsame Mittagessen einnehmen. Um 17 Uhr sammeln sich die Benediktinerinnen von Müstair zum Rosenkranz, anschliessend, um 17.30 Uhr, feiern sie die Vesper, mit der die Arbeit des Tages endet. Laudes und Vesper sind die liturgischen Angelpunkte des benediktinischen Tages. Am Abend, um 19.30 Uhr, wird die Komplet gebetet, das Nachtgebet. Der Tag wird beendet, die Priorin erteilt ihren Schwestern den Segen und das grosse Silentium beginnt bis am Folgetag nach dem Gottesdienst.

Die Benediktinerinnen von Müstair feiern ihr Stundengebet in den Sommermonaten in der Klosterkirche auf der Nonnenempore. Besucher können diesem Gebet gerne beiwohnen und durch das Rezitieren der Psalmen Versenkung und innere Ruhe finden.

Labora – Arbeite

Die Arbeit der Nonnen von Müstair besteht in Gartenarbeit, Stickereien, Handarbeiten, Betreuung des Gästehauses, aber auch in Büroarbeiten nebst Arbeiten im Haushalt. Auch wenn es immer mehr weltliches Personal hinter den Klostermauern gibt, so ist es wichtig, dass der benediktinische Geist auch in der Arbeit Einzug hält.

Benedikt teilt den Tag so ein, dass die Arbeitszeit am Stück niemals zu lang dauert, sie wird durch Gebet, Lesung oder Zusammenkunft der Schwestern immer wieder unterbrochen. Die Konzentration kann somit besser aufrecht erhalten bleiben.

Lege – Lese

„Müssiggang ist der Seele Feind.
Deshalb sollen die Brüder
zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit,
zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung
beschäftigt sein.“ (RB 48,1)

Benedikt bestimmt genau, wie viel Zeit die Arbeit, wie viel die Lesung in Anspruch nehmen soll. Wir sprechen von „lectio divina“, heiliger Lesung. Es sind erbauliche Texte, die langsam gelesen werden sollen. Jedes Wort soll im Mund zergehen und zum Meditieren anregen. Es geht nicht darum, wie bei einem Zeitungsartikel, den Text schnell zu „scannen“, um die neueste Nachricht der Politik, Wirtschaft oder des Sports herauszufischen. Es geht vielmehr darum, diese geistliche Lektüre innerlich aufzunehmen, sich dem Text zu öffnen und ihn zu verinnerlichen.

Die geistliche Lesung findet individuell statt, aber auch beim Mittag- und Abendessen wird sie in der Gemeinschaft durchgeführt. Die Schwestern essen im Stillschweigen und hören der Leserin zu. So nehmen die Nonnen nicht nur Nahrung für ihren Körper auf, sondern auch für ihren Geist und ihrer Seele.